Stadtschreiber Stefan Holler

Stefan Holler ist Wolfsburgs neuer Stadtschreiber. Holler wurde 1988 in Bayern geboren und wird sich von Juli bis September literarisch mit Wolfsburg auseinandersetzen. Ausgeschrieben wurde das dreimonatige Aufenthaltsstipendium vom Kulturwerk der Stadt.

Stadtschreiber Stefan Holler mit Olive im OhrNach intensiver Diskussion kam die unabhängige Jury, bestehend aus den Kulturausschussvorsitzenden Wilfried Andacht und Frank Helmut Zaddach, den Lehrbeauftragten der Universität Hildesheim Katrin Zimmermann und Kevin Kuhn sowie Monika Kiekenap-Wilhelm und Judith Bartsch vom Kulturwerk der Stadt zu einem einstimmigen Votum. Stefan Holler überzeugte mit seinem Text „P.S.:“, mit dem er, so die Jury, exemplarisch die Kommunikationsweise einer im Medienzeitalter aufgewachsenen Generation abbildet.

Vor dem Hintergrund einer fiktionalen Verwirrungsgeschichte beschreibt Holler die multimediale Kommunikation seiner Protagonisten und spiegelt diese auf sprachlicher Ebene. Wechsel der Erzählperspektive, Gedankeneinschübe, Sätze, die - wie eine Internetverbindung beim Chatten im Zug - abbrechen und somit als Standbild verharren, setzt Holler als Stilmittel ein, die seinem Text eine rasante Dynamik verleihen. Doch trotz aller Kommunikationsfülle herrscht eine Sprachlosigkeit zwischen den Helden der Erzählung, die Beziehungskonstellationen der Figuren bleiben im Unklaren.

Wolfsburg erscheint dabei als modernistischer Schauplatz und als Ort, an dem Pavel, die Hauptperson des Textes, seine Jugend verbracht hat. Die junge und moderne Stadt Wolfsburg ergänzt die multimediale Thematik. Futuristisch anmutende Landschaften, eine Tanzeinlage vor dem „Eyecone“ des Phaeno, eine Performance am Klieversberg bilden die Kulisse für Lebensentwürfe junger Menschen. Und die Jugendlichen am Bahnhofsvorplatz versetzen Pavel in Nostalgie und in Erinnerung daran, als er selbst noch da saß „mit (…) Kopfhörern und Blicken ohne Mimik - die international anerkannten Zeichen der Jugend, für sich bleiben zu wollen.“ Die Jury erkannte Stefan Hollers Novellenfragment als mutigen und zukunftsweisenden Text an, der nach Angaben der Juroren mit seiner außergewöhnlichen Erzählart hervorsticht. Ab Juli wird Stefan Holler für drei Monate auf Burg Neuhaus wohnen und mit der Stadt und ihren Bewohnern in Dialog treten. Die Ergebnisse dieses Austausches werden dann in verschiedenen Formen zu lesen und hören sein. Die Termine hierzu werden noch bekannt gegeben.


"In Wolfsburg entstandene Impressionen" zum Herunterladen (PDF - öffnet sich in einem neuen Fenster)


Weil, Bäume blicken nicht zurück


Wolfsburg ist grün. Ausnehmend sogar, ein Blick auf die Stadtkarte oder eine Fahrradtour die Vororte entlang zeigt die chlorophylle Grundfarbe wohin das Auge oder die Ausdauer reicht. Auch die Burg Neuhaus ist umgeben von Natur, allein der Blick aus dem Küchenfenster meiner Wohnung offenbart einen See samt anschließender Parkanlage. Spaziergänge in der Natur halten Geist und Körper aufrecht, wusste schon Heidegger  und ließ es sich nicht nehmen, einen verklärt rührseligen Text über den Feldweg, natürlich an sich (wie sollt es/ er auch anders sein), zu verfassen.  
„Aber der Zuspruch des Feldweges spricht nur so lange, als Menschen sind, die, in seiner Luft geboren, ihn hören können. […] Die Gefahr bleibt, dass die Heutigen schwerhörig für seine Sprache bleiben. Ihnen fällt nur noch der Lärm der Apparate, die sie fast für die Stimme Gottes halten, ins Ohr. So wird der Mensch zerstreut und weglos.“
So beschließe ich, Martins Mantra und Mahnung im Ohr, zu Maeckes eine letzte Wegzigarette zu drehen, nach „Hier ist das Niemandsland, hier ist niemand daheim, wie´s scheint, herrscht hier Zufriedenheit, anonym und du kannst alles haben, inklusive dem Gefühl alles verpasst zu haben“ den Laptopdeckel zuzuklappen und mit Heidegger d’accord und los zu gehen.  
Man braucht einen Stock, um sich auf einen längeren Weg zu begeben. Der vierte scheint perfekt, in der Länge genau richtig auf Hüfthöhe, robust, aber doch im Schritt leicht biegsam. Das erste Hindernis der Wanderung: eine etwa fünfzehn schnäblige Gruppe Gänse, die sich mir in den Weg stellt. Komme ich auf fünf Meter heran, herrscht großer Aufruhr aus geplökten Kehlen und aufgestellten Flügeln. Ich überlege, der Natur nachzugeben, müsste dann aber nach rechts und da ist die Straße, also versuche ich nicht weiter nachzudenken, umgreife den Stock etwas fester und laufe in größtmöglichen Abstand strammen Schrittes an der Gänse-Gang vorbei, wobei ich den Aufruhr durch ein halblaut gemurmeltes „so, hier, ich jetzt“ auszublenden versuche. Am Wegrand zwei schwarze Schwäne. Abseits von mir und seinen Tierkollegen, chillt das einstige philosophische Paradox unberührt des temporären Aufruhrs.
Sucht man sich einen Weg, ist es wichtig, eine Bank zu finden. Geeignet scheint die an einer Brücke gelegene, mit Blick auf den See und seitlich Richtung Felder. Auch ein Baum zum Unterstellen bei etwaigen Unwettern ist zu suchen. Sehr naheliegend bei dem Wetter der letzten Zeit, beim klingenden Sturm „Siegfried“ zum Stadtgeburtstag hat es neben der Festmeile in der City auch die Hochsprungmatte der Neuhauser Sportanlage auf das anliegende Feld geweht. Auch das chinesische Mittagsbüffet fiel für die Verkäuferin der Tankstelle im Nachbarort ins Wasser, aber ja, zum Glück ja Büffet, und die Getränke bekam man ersetzt. Nur das eine Kind, das von einem Ast getroffen, jetzt im Koma liegt, und fast den an die Zeugen Jehovas gläubigen Eltern, die auf die Abschaltung der Maschinen beharrten, zum Opfer gefallen wäre, wäre man nicht per Gerichtsbeschluss dagegen vorgegangen. „Ja, es gibt schon Menschen, die gibt es…“ meinte die Tankstellenverkäuferin da erbost gedankenversunken, worauf ich nickte.
Ich stehe auf und verlasse See und Park. Die Ähren der Weizenfelder liegen ruhig im Abendwind, der Himmel die Farbe, wenn man die Augen schließt und in die Sonne sieht, einige verwischte Staubschlierenwolken die in einem leichten Linksdrall am Horizont verlaufen. Ich denke daran, wie ich als Kind mit Stock und Freunden durch Wälder und Felder gestreift bin, während wir uns die von den Vätern gemopsten Fishermens Friends geteilt haben, Erwachsenensüßigkeiten, wie wir sie nannten und immer dachten, das wäre jetzt richtig verboten. Tage endeten mit Aufkommen der untergehenden Sonne und wurden mit Handschlag und anschließendem Abendbrot mit der Familie beschlossen. Ganze Sommer wurden so verbracht, und irgendwie schien es ewig so weiterzugehen, gefühlt, beziehungsweise dachten wir nicht einmal das, weil an ein Ende dieses Verlebens nicht mal auch nur kurz gedacht wurde. Nur irgendwann, ich weiß nicht, wann, da gab es diesen einen Sommer, da wollte ich noch unbedingt etwas erledigen, unbedingt, aber dann war der Sommer vorbei und ich konnte mich nicht mehr erinnern, was es war.  
Ich stehe sehr lange vor einem Baum und blicke ihn ungestraft an, ohne dass er mich zu einem Gesicht verdonnert, während ich versuche, mich daran zu erinnern, was das damals war und laufe dann so in Gedanken körperlich euphorisch ermüdet zur Wohnung zurück. Es will mir nicht einfallen. Erfreut stelle ich fest, dass sich im Kühlschrank alle Zutaten befinden, die es für ein tagbeschließendes Thai-Curry braucht. In Gedanken an den Duft von Koriander und Zitronengras fällt mir ein, wie im Herbst danach, also nach den Ferien jenes Sommers damals, mir der Geruch Christinas, meiner Banknachbarin zu dieser Zeit, auf einmal sehr markant aufgefallen ist. Ein wenig wie blaues Sportduschgel, aber weicher, irgendwie nach Zimt, mildem Schweiß und noch etwas anderem, und nach warmem Stroh ihr strawberryblondes Haar da am Hals, das sie ab da auffallend oft nach hinten geworfen hat, wenn wir uns in den Pausen zwischen den Schulstunden unterhalten haben. Es war die Zeit, in der man anfing, vor dem Spiegel zu masturbieren und darauf mit den Freunden das Fitnesscenter der Nachbarstadt aufzusuchen.

And i would walk 500 miles if there´s a Kneipenmeile
DJ Dieter legt los. Den Hits aus den 80ern unterlegt: diese übliche Geräuschkulisse belebter Plätze, die immer ein wenig an Bahnhofshallen zwischen Gleiswechseln erinnert und hier im Kaufhof mit der Zeit immer angetrunkener wird. Man kennt hier kein Augustiner. Barfrauen sehen mich irritiert an, als ich danach frage, und ihr Blick steht ihrem ungläubig geäußertem, was das denn sei, in nichts nach. Kurze Überlegung, mich nach dem Sushi wieder gen Berlin zu orientieren, oder das „Reeperbahn“ versprechende, gegenüberliegende The Other Place aufzusuchen, aber ja, dann Franziskaner, wenn schon  kein Augustiner, also erneut Hauptstadt. Der erste Versuch, die Männertoilette auf Anhieb zu finden, schlägt fehl, worauf mir eine freundlich blondgefärbte Kellnerin den geschlechtskorrekten Weg weist.  
Ich setze mich an einen freien Tisch im Außenbereich. Der Abend ist mild und vom Tag noch aufgewärmt. Am Eingang der Kneipenmeile patrouillieren Bikergangs, ein paar Jugendliche passieren die Meile mit ihren schwarzverkleideten Suzuki Sportmodellen, bleiben aber zumindest hier im Alt-Berlin die einzigen unter 40. Ich weiß nicht, ob das Alt- im Namen Konzept ist, musikalisch jedenfalls herrscht hier allgemeiner Tenor zu DJ Dieters 80er Jahre Revival, „das war Musik ohne Ende damals“, fasst er sein Set zusammen, während whiskey-und zigarrentrunken Marius Westernhagens Stimme zu Hardrockriffs ertönt. Ab einem gewissen Alter hat man ja die Tendenz, die Orte zu besuchen, an denen auch unsere Elterngeneration ihre Freizeit verbringt. Manchmal ist man da allein und manchmal mit einer Freundin, und dann ist man entweder sehr betrunken oder es wird schnell sehr familiär. 
Das Franziskaner kommt, am Nebentisch Geselligkeit in Reinform. Es wird auf Rücken geklopft, Kurze auf Holz, wären die Tische nicht aus Plastik gewesen und nach dem Prost mehrstimmig an die Songs von früher erinnert. Unsere Generation raucht ja entweder zu The Smiths alleine gegen Fensterscheiben, bis sie beschlagen oder bewegt sich zu elektronischem Minimal clubwärts. Da sind die Songs recht ähnlich und erinnert werden kann sich aus einem reichen Spektrum nächtlicher Begebenheiten, zumindest soweit es der Blackout hergibt. So dass selbst das Antanzen des fremden Menschen zu diesem einen Song irgendwie ins Konzept passt, und außerdem verbindet ja auch diese Angst, ihn zu verpassen, diesen Moment, der die Wirklichkeit demaskiert. Und wir suchen ihn, jede Nacht und spätmorgens im Taxi oder Nahverkehr, solange das Brennen noch nicht aufhört, weil Müdigkeit, ja lediglich der Mangel an ein bisschen Kleingeld.
DJ Dieter legt eine kleine Zeitreise hin und hüpft Seil zwischen den Jahrzehnten. Merke: Ausreichend geloopt  wird auch Alligatoah von den Ü40ern mitgesungen, „Willst du mit mir Drogen nehmen, ich hab´s in einer Soap gesehen…“. Dann wieder Songs vorm Mauerfall, bis es zurück in die Zukunft geht und mit dem gerade angekommenen, zweiten Franziskaner Micky Krauses „Ich war einsam wie ein altes Haus am See“ schon ein wenig wie Poesie klingt.
Dann ist es elf, und das heißt hier: Sperrstunde. Dieter packt zusammen und steuert Richtung Feierabendbier, die anderen strömen entweder hinaus oder herein. Die Jugend, also die Generation vor der Elterngeneration, sitzt im hinteren Ende der Kneipenmeile gen Hallenbad. Am weitesten von der Hauptstraße entfernt, darf die Musik hier auch am lautesten sein. Gerade: House. Hinter dem Lupus liefern Pizzaboten Kohlenhydrate an Heißhungrige. Rot gekleidete Mitzwanziger nehmen Bestellungen am Hauptquartier auf, steigen damit in die gleichfarbigen Autos und legen besonderen Wert darauf, möglichst lässig im Rückwärtsgang vor den Bars zu wenden. Autofahren scheint in Wolfsburg den gleichen Stellenwert zu besitzen wie in meiner Heimat Franken. Erinnere mich an die Autofahrt zwei Stunden zuvor, mit diesem Jungen aus Kalifornien, Rufname Illaspit, angehender Rapper, Fotograf, Animationsfilmproduzent und auch sonst noch einiges vorhabendes Individuum, von dem ich im Wagen seines Freundes, einem Cabrio 90er Jahre Baujahr, also das Auto, zu einer kleinen Spritztour durch die Stadt eingeladen wurde. Laut im Stand aufdrehender Motor, geschnittene Kurven, teure Soundanlage und an jeder Ampel der Versuch, eine grüne Ampelphase lang stehen zu bleiben, bis das Hupen vom Hintermann nicht mehr ignoriert werden konnte. Dass ich auf jeden Fall über ihn schreiben müsse, er vom Beifahrersitz, das wäre nämlich ne ultrakrasse Story, also sein Leben, ich: ich kenn dich ja nicht, und Menschen erzählen viel, er noch irgendwas, was vom Gemenge aus Fahrtwind, Motorlärm und dem Drum and Bass aus der Anlage verschluckt wird, er:  doch, auf jeden Fall, er müsse das ja wissen, denn er hätte das hautnah erlebt, also sein Leben, und dann wird es nicht wenig absurd. Reifen drehen auf, jetzt da wieder vorm Lupus, der Pizzabote schafft den Rückwärtsschlenker perfekt, und tatsächlich, die Blicke der vierfrisierten Frauengruppe am Nebentisch hat er sicher.
Ich bekomme zwei Shots ausgegeben, lehne natürlich nicht ab, das wäre ja unhöflich. Irgendeine Mischung mit Wodka und zwei weiteren Farben. Ich will mich revanchieren und gehe Richtung Glücksspielautomaten. Finden sich ja fast in jeder Bar mindestens zwei davon. Irgendwie muss man ja das Glück auch für die nüchtern Gebliebenen in die Welt bringen. Läuft gut bei mir, aus 1,60 werden 30, dann 70, irgendwann wieder 40 Euro. Am Nebenautomat wechselt die Belegschaft, das Spektrum reicht von lässig in den Sitz gefläzten Altersgenossen und nach vorne gebuckelten älteren Semestern in Jogginganzügen. Für jeden von ihnen entscheidet sich hier wohl der weitere Verlauf des Abends auf seine eigene Weise. Ob die Flasche Wodka im Tao oder die Versöhnlichkeit im Ehebett. Ich jedenfalls kaufe Zigaretten, trinke noch eine Runde mit Patrick und seiner Freundin und mache mich auf den Heimweg.  

Entzug 
oder: Reality is so beautiful. When you can afford it
Museum, das ist Ausweg. Wartet davor Alltäglichkeit im Sinne der normiert gewohnten Realitätsgratbewanderung die Einkaufsstraße entlang, darf dort alles erwartet werden. Außen verlaufen weltliche Entscheidungen derart, sich zu überlegen, ob es der Bio-Lachs sein sollte oder doch der normale, aber dann doch noch mit einer Avocados obendrauf, ob man sich noch innerhalb der 6 Wochen Umtauschzeit befindet, in der das günstigere Brillenmodell bei Fielmann vorgezeigt werden kann oder die Ästhetik dieses Sommers nicht doch ein Fehler war. Im Museum dagegen helfen derartige Standards wenig. In der Haupthalle des Museums angekommen, lässt es Erwin Wurm mit dem vorangestellten Motto schon erahnen: 
„Mein Werk handelt vom Drama der Belanglosigkeit der Existenz. Ob man sich ihr durch Philosophie oder durch eine Diät nähert, am Ende zieht man immer den Kürzeren.“ 
Allein im Museum, das ist immer ein wenig wie einen Traum zu begehen. Man sieht, viel unbewusst, und irgendwas bleibt hängen. Bei Erwin waren das: Kleine Männer in braun oder graumelierten Mänteln, mit Eimer über dem Kopf oder einem Kleiderschrank als Oberkörper, eine Bockwurst in lasziver daliegender Venusstellung, mit Wiener Würstchen  als Arme und Beine, ein psychotisch gecrashter Mercedes (kein VW), puristisch, in Reih und Glied angeordnete Essiggurken, der Überlegung, als i-Pod reinkarniert zu werden, ein leerer Kasten, viel Glas um Luft und Nichts, dem Geständnis „Ich glaube an Dinge, von denen ich absolut keine Ahnung habe“, Kopf stehende, von der Decke hängende Tannenbäume und Doppelbetten, die in der Breite selbst für einen Menschen zu schmal wären.
  Die hohen Decken des Museums verstärken die Verlorenheit der Raumbegehung zur geistig kategorialen zusätzlich noch einmal körperlich. Die erste halbe Stunde laufe ich so traumwandelnd umher, ab und zu Verstörung, ab und zu ein Lachen, das daran erinnert, wie Kafka beim Vorlesen seiner Texte gelacht haben muss und sich selbst nicht ganz versteht. Seltsamerweise muss ich an Dates denken. Dieser Augenblick, wenn die andere Person da lacht und ich ihr instinktiv unterstelle, gerade nicht über den konkreten Moment, sondern über die Situation an sich zu lachen.  
Ein Übereinander an Gedankenfetzen und einströmende Reize, das in meinen Kopf geworfen wird wie immer neue Farbe auf eine Leinwand, ohne einer einzigen Farbschicht die Zeit zum Trockenen zu geben. War der eine Gedanke angedacht, folgte der nächste; Konkretes verschwand wie das Individuum im Bienenstock; ein Wall aus in einer Reihe aufgestellten, gleichgeschalteten Ballmaschinen im gegenüberliegenden Spielfeld, die mir hochfrequentierte Schwärme von flirrenden Tennisbällen entgegen schossen. Ab und zu schiebt sich in dieser Traumwandelei ein kleiner Freud dazwischen, der versucht, das Gesehen zu ordnen und mit Sinn zu überziehen. Vielleicht ist das das Paradoxe an Kunst: Der an die Wand geschriebene Satz von Wurm: „Ich verstehe den Künstler als jemanden, der sich mit nichts anderem beschäftigt, als der Welt Sinn zu entziehen.“ Und eben dennoch innerhalb dieses allumgebenden Entzugs Ordnungskategorien dafür finden zu wollen, wenn nicht gar eine Wahrheit, die umfassender ist als die Alltäglichkeit in Einkaufsstraßen, wo man nicht mit fremden Menschen spricht, außer man kauft etwas oder hat kein Feuer bei, und dann ah, danke, hmm, will nicht, ach, doch, ja, schönen Tag noch, der cleveren Manipulation von zeitloses Tageslicht durchfluteten, links verlaufenden Fahrstuhlmusik-Supermärkten (plus der Frage, warum das bei Discountern nicht so ist) und 20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung. Vielleicht, denke ich mir, würde Werbung in Museen stehen, wenn sie nichts verkaufen würde und nicht überall wäre. Aber man weiß es nicht. Außer, dass ich gleich wieder dorthin zurück muss, denn in fünf Minuten schließe das Museum, wie mir auf sehr freundliche Weise mitgeteilt wird, als wüsste der Aufseher, was mich dort erwartet.
So schlendere ich Richtung Ausgang, einen letzten abstrakten Blick auf die Halle werfend und wünsche einen schönen Feierabend. Museum, das ist: man geht hinein, träumt und danach wieder hinaus, ist müde, und auch die Füße schmerzen ein wenig, aber irgendwie kommt einem danach alles ein wenig klarer vor, ohne dass man wirklich sagen könnte, was.

Stefan Hollers Gewinnertext "P.S.:" zum Herunterladen (PDF - öffnet sich in einem neuen Fenster)


P.S.:

(Novellenfragment)

Verwirrung um diesjährigen Stadtschreiberpreis

Wolfsburg | Dazu seien sie schließlich da: mit ihnen umzugehen, wenn es einem versagt geblieben ist, sie zu umgehen, die abstrusen Situationen des Lebens. Wie dieser Umgang nun auszusehen hat, damit macht sich das Kulturwerk Wolfsburg in diesen Tagen so seine Gedanken. Denn abstrus ist die Situation allemal, zu der es im Zuge des diesjährigen Stadtschreiberpreis gekommen ist.

2013 das erste Mal vergeben, jährt sich der Preis nun zum dritten Mal, der mit einem dreimonatigen Aufenthaltsstipendium in der Burg Neuhaus und einem großzügigen Taschengeld von 3000 Euro verbunden ist. Ziel ist es, angehenden Jungautoren die Möglichkeit zu geben, sich kreativ und ohne Druck von außen entfalten zu können. Vergeben wird das symbolische Amt an Studenten des Studiengangs Kreatives Schreiben in Hildesheim.

Zwei Jahre lang war das auch reibungslos verlaufen. Nur dieses Jahr gestaltet sich dies ein wenig anders. Alle sieben Hildesheimer Studenten haben denselben Text eingeschickt, ein neunseitiges Werk, Titel: Werner, die Schreiber kommen, gespickt mit bedachten Alltagsbeobachtung im Kontext der Stadt, die sich auch vor einer Prise Humor nicht scheuen und aus der Wahrnehmung eines geschlechtlosen Ich-Erzählers vorgetragen werden. Siebenmal derselbe Text, bis auf eine Ausnahme, wie man nach einiger Zeit bemerkte: bei der Version einer weiblichen Schreiberin gab es eine Variation bezüglich des letzten Satzes. Eine Situation, die die Jury nun vor die Aufgabe stellt, die dadurch aufgeworfenen Fragen in angemessener Weise zu behandeln.

„Haben uns eigentlich nicht so viel gedacht dabei“, so die offizielle Stellungnahme eines Studenten, „nur, dass…“

- Genauer gesagt:

- Ja. Ah, diese verdammte Olive!

Skype dabei sich aufzuhängen, schlotternd hielt sich die Verbindung gerade noch auf letzten Zehenspitzen tänzelnd im unteren Signalbereich aufrecht, mal wieder, das dritte Mal seit der letzten Station. Sein Gesicht auf dem Tablet, abgehakt und slowmotion-stroposkopiert wie ein schwerfälliges Daumenkino.

Ein Stück der Strecke hatte sie ihn ans Fenster gehalten, um die Aussicht bis zu ihrer Ankunft mit ihm zu teilen und abwechselnd hinaus und auf ihn geschaut. Seine Spiegelung auf der Zugscheibe in der weichen Samtnuance, mit der Sonnenlicht auf Fenster fällt, die längs durchzogen sind von Vorhangfalten aus verschieden schattierten Staub/Wasserschlieren. Dahinter: brachgelegte Felder, auf denen: Heuballen, blassgrün verpackt, breitbeinig auf Strommasten gekreuzigte Strichmännchen, Waldrand mit zerschlagenem Jägerstand, unentwegt gen Fahrtrichtung abwinkende Windräder/ in Laufräder gesperrte Bumerangs: er. Das Ganze eingehüllt in den sonnendurchwaberten Dunst eines Vorfrühlingsvormittags, der aus der Sicht des übertemperierten Zugabteils an den Wüstenstaub einer Westernkulisse erinnerte. Nur die genretypischen herumwehenden Heubüsche hier eben blassgrün verpackt, und innen über die Sitzlehnen geschlagene Pelzmäntel.

Sie hielt ihr Tablet im Raum herum, um ein Stück Restinternet zu erhaschen. Pavel musste niesen, was sie durch die verschleppte Bildübertragungsrate zum Lachen brachte.

Der alte Mann neben ihr sah überrascht von seiner Zeitung auf Richtung Fenster. Das Gesicht eines jungen Mannes auf dem elektronischen Gerät, das die junge Frau in ihrer Hand hielt. Im Hintergrund eine grüne Bank, deren Sitzfläche ihm bis an den Hals ging und von der ein Paar Beine in schwarzen Leggings lose in der Luft baumelten, was der Szenerie kindliche Proportion verlieh.

Der alte Mann hüstelte.

„Eingefroren“, erklärte Helenja, weil sie dachte, dass es an dieser Stelle irgendwie passend und/oder nötig erschien.

„Naja, vielleicht hilft da ja die Sonne etwas“, er mit nun freigelegter Stimme und einem Lächeln, das erwidert werden wollte und wurde, bevor er sich wieder seiner Tageszeitung zuwandte.

- Ich mein, kann man denn nicht einmal in Ruhe sterben, ohne davor noch unbedingt ein Statement setzen zu müssen?

Sie wechselte auf den halb geladenen Link in der Taskleiste.

Eine Fotostrecke über die letzten Mahlzeiten, die sich Insassen des Todestrakts vor ihrer Hinrichtung gewünscht hatten. Und darunter eben, neben den verständlich deftigen noch-nicht-Leichenschmausen aus frittierten Shrimps, Chicken Wings, Beefsteak und einem halbem Liter Minzschokoladeneis: eine einzelne Olive (mit Kern). Dargereicht mit Messer und Gabel.

In Wien würde der Unterschied zwischen kynisch und zynisch wohl da liegen, wo das Kalbsschnitzel kross gebraten auf dem Teller. Weiter markierte sie sich Rick Ray Rector, ein Name, mit dem man problemlos die Moderation des ZDF Heute Journals übernehmen könnte und notierte sich mit einem Fragezeichen /Pecannusskuchen, zurückgegeben mit saving it for later mit Vermerk auf Freuds Lieblingswitz. Die Verbindung verabschiedete sich kontinuierlich, die Übertragung wechselte zwischen Stummfilmsequenzen und Standbild mit Wortfetzen. Eine längere Sequenz sah er nur in die Kamera, beziehungsweise, ohne etwas dagegen tun zu können, leicht rechts daran vorbei, während er etwas erzählte und ab und zu mit den Schultern zuckte, worüber sie völlig ihren Spiegelfilm in der rechten oberen Ecke des Skypefensters vergaß.

- Statt einfach zu sagen, das war´s dann mal, Punkt und gut jetzt… scheint ja schon zu Lebzeiten schwer genug, etwas einfach mal so stehen zu lassen, wie es ist…

Sie verstand die Anspielung auf ihren letzten Satz, den sie dem letzten Abschnitt des Wolfsburgtextes, der über ihn und sie, hinzugefügt hatte, überlegte etwas zu erwidern, kam aber zu dem Entschluss, dass gerade nicht wirklich die geeigneten Bedingungen herrschten, dies gebührend zu klären und gab ihm stattdessen ihre Ankunftszeit durch. Vorausgesetzt natürlich, der Zug hielt diesmal auch wirklich und fuhr, wie bei ihrem letzten Treffen in Wolfsburg, nicht einfach wieder durch, was er trotz Bestätigung dieser misslichen Erscheinung im Internet noch nicht hundertprozentig als etwas anderes denn als Ausrede Kaliber: dreist, Hut ab ansehen konnte.

Von Pavels Antwort verstand sie nur Bahnhof und ironisch aggressiv. Teils lag zumindest die akustische Verständnisschwierigkeit an der schlechten Internetverbindung, zum Teil aber auch an der Gruppe kreativ frisierter Damen in der gegenüberliegenden Sitzgruppe, die sich gerade heiter zuprosteten, so gut das mit den Plastikbechern eben möglich war. Dreistimmig wurde das von der in Hannover zugestiegenen Dame ausgebrachte „Für den Kreislauf.“ mit einer Variation zu „Auf den…!“ wiederholt, die sich bereits kurz nach ihrem Einstieg mit den Fragen „Haben Sie Empfang?“ und „Habt ihr Kinder“ ins Gespräch gebracht hatte und nun von sich aus einen Piccolo aus ihrem Tascherl holte.

Dass sie sich gerade wohl nicht in der Situation befänden, sich gegenseitig am Bahnhof abzuholen, ohne dass das allzu ironisch aggressiv wirken würde, wiederholte er.

Sie blickte auf das linke obere Bildschirmeck, ein kleines Feld, das etwa ein Zehntel des Raumes seiner Darstellung einnahm, ihr Spiegelfilm, auf dem sie sich selbst von der Webcam gefilmt sah. Sie spannte ihre Vaginalmuskeln an und war überrascht, Tendenz erschrocken, denn tatsächlich begannen sich ihre Pupillen daraufhin zu weiten.

Die Bildübertragung blendete sukzessive das Geschehen aus, noch stand er auf dem Boden, Bildflirren, schon lief er auf der Bank umher. Seine Worte stotternd, sie prüfte ihre Kopfhörer, weil sie, ohne viel Hoffnung, auf Wackelkontakt hoffte. Wer sie denn dann mit dem Strauß Lilien empfangen sollte, bevor die Verbindung nach einem Satz schließlich völlig zusammenbrach.

- Weil, das ist jetzt wichtig…

Schwang er sich also in dem Moment auf die Sitzfläche der grünen Bank Riesenbank, als er etwas wiederholte, was er so vielleicht nie gesagt hätte. Stieß sich dabei auch das Knie an, aber recht so. Ärgerte sich, irgend so ein Scheißgelaber, nicht in der Situation und ironisch aggressiv, eine Kombination der Dinge, die er mit am meisten hasste, Ironie und passiv aggressiv. Gedanke, sich unter eine Touristengruppe zu mischen, um sie dann am Phaeno mit einer Tanzeinlage vor dem Anführungszeichen auf Bewegungsresonanz-visualierungsspektakel Anführungszeichen Ende Eyecone zu überraschen. Sicher verließ sie den Bahnhof über den Eingang zur Wasserseite, in gewisser Hinsicht die schönere, obwohl; aber ja, an den Mülleimern in Form der Darreichen von Mensaessen würde sie vorbeigehen, und es angesichts der vier in den Himmel donnernden Schornsteine nicht unterdrücken können, kurz in Gedanken ein Stück weit phallisch zu werden, während sich das weiße Neonblau im Wasser vor ihr spiegelte und dann, das Bollwerk entlang, sich vorstellen, in welchem der Gebäude auf der anderen Uferseite ihr neuer Typ da jetzt arbeitete, Typ, oder was immer er da jetzt für sie war, Ben, sein bester Freund seit Jugend her. Schreibschulabbrecher und seitdem tätig im Marketingsektor, einer der typischen Glanz&Gloria-Durchstarter vom Text übern Ortsverein zur Headline von Null auf Groove in Blues-Hardrock-Riff.

Angefressen lief er auf der Bank umher, entschuldigte sich, als er dabei versehentlich seine alte Schulfreundin Katharina anrempelte, die sich aufmachte, die Kinder zur Großmutter zu bringen und die Performance für den Abend vorzubereiten. Unter seinen Füßen Schriftzeichen einer Jugend, mit Edding und Taschenmesser eingraviert, aus Moment entstanden in die Ewigkeit entsandt, hochprozentig konservierter Pathos, rückblickend gern als peinlich abgewunken, mit jenem melancholischem Schulterzucken, das sich bereits bewusst ist, dass solche ehrlich direkten Momenten wohl für eine lange Zeit erstmal verloren sind. Darunter einige noch aus der Zeit, als Wolfsburg noch seine Heimat gewesen war, die Zeit, als man selbst noch nicht viel über sich wusste, außer, dass man dieser Typ war, der mit dem rechten Arm voran eine Jacke anzog und einmal die Woche rasieren gut war, um als passabel durchzugehen. Aber es eine Antwort gab, auf das alles, und sie war irgendwo draußen, und dafür brannte man. Mittlerweile müsste man ja eigentlich weiter sein, zumindest irgendetwas gefunden haben, dessen Koordination im besten Falle nicht völlig deckungsgleich bei 180 Grad zu abgefunden waren.

Er ließ die Kamera über die Bank gleiten, um ihr das zu zeigen, ohne die da bereits gekappte Verbindung zu bemerken.

Katharina verabschiedete sich und erinnerte ihn noch einmal an die Performance später auf dem Klieversberg.

Er entdeckte einige taufrische Schriftspuren, mit Eyeliner und Lippenstift getaggt, vom Morgendunst schon halb verschmiert. Gerade streifte ein Junge über die Grünfläche, um zwischen den liegengebliebenen Resten der Nacht und dem, was davon übrig blieb etwas zu finden, das keine Bierflasche, leere Kippenschachtel oder halb aufgeblasenes Kondom war. Pavel erkannte ihn von gestern, als er den Abend hier verbrachte hatte, um bei den vier überdimensionalen grünen Bänken der Nostalgie zu zollen, auf Reise zu den eignen Riesen, wie er und seine Freunde das Abhängen auf ihren Inseln abgeschotteter Kleinodskultur früher getauft hatten, dann zur blue hour, wenn die Eltern vor der Tagesschau saßen.

War hier gesessen, mit Weinflasche, Kopfhörern und Blicken ohne Mimik, die international anerkannten Zeichen der Jugend, für sich bleiben zu wollen. Wollte ja auch nicht zu voyeuristisch wirken, dieses Gefühl, dass da einer auf einen zukommen könnte und sagt: ja, was guckst du denn? Wir sind hier und machen unser Ding, und was machst bitte du? Also Kopfhörer auf und Musik auf lautlos.

Auf einer Bank eine Gruppe Jugendlicher, zusammengehalten durch das Knistern der Chipstüten, Bonghusten, vom Wodka verfluchten Ausrufen und Zigarettenstummeln, die in den vor ihnen ausgespuckten Speichellachen wie Schiffsbrüchige wirkten, denen nicht vergönnt war endlich ertrinken zu dürfen.

Klinisch kalt, dass es in der Nase brannte wie billiger Korn: ein stärkerer Windstoß ab und zu, der die wintergeschändeten, der Photosynthese beraubten Blätter über den Boden hetzte. Auch einige seit Tagen verwesenden Dönerreste dort, die sich darunter gemischt hatten und vom Laub nicht mehr zu unterscheiden waren. Ein Fußball, der hin- und hergekickt wurde. Einer hatte sich in einen Einkaufswagen gefläzt und versuchte gerade, eine zusammengeknüllte Tüte von seinem Platz aus in den Mülleimer zu befördern: knapp daneben.

„Man, da habens ja die Frauen auf DSF Sexy Sportclips beim Basketball besser drauf als du.“

Er unterbrach sein Gespräch mit einer Freundin, und, sein Tonfall nach unten fallend, wie der Übergang von …verbunden mit der Mobilbox von… zu 0, 1…:

„Ey, häng dich.“

Ein Mädchen umdrippelte mit dem Fußball einen Jungen, der dabei das Gleichgewicht verlor und hintenüber fiel. Pavel erkannte das Mädchen aus dem Vlog YoungGTelevision auf youtube, wo sie in einer Umfrage Thema „Wovor habt ihr Angst?“ vor der Filiale der Targobank in der Porschestraße „Versagen, dass ich anderen nicht gerecht werde und vor Spinnen“ antwortete, die Frage an den Moderator zurückgab und „Gute Frage…“ zurückbekam. Sie reichte dem Jungen die Hand, um ihm aufzuhelfen.

„Kann ich schon selbst, komm du erstmal mal auf dein Leben klar…“, während er hektisch umher sah und die Umgebung nach einer schnellen Ablenkung scannte.

Verständigung einer Jugend zwischen halb bewusstem Austausch zwischen sich, dem Anderen und einem selbst, wenn man alleine zuhause vor dem Fenster steht und raucht, bis die Scheibe beschlägt. Der Sollipsismus der Kindheit, der langsam mit anfänglichem Selbstzweifel verschwimmt, aber sich noch in abgeklärter Distanz tarnt, rastlos auf der Suche nach dem alles Erlösenden „Was, du auch?“ und dem gemeinsam geteilten Abspann eines Filmes, bis man da zusammen auf der Couch Liebe zum Loop eines DVD-Menüs machte.

Der Ausgespielte ging auf die Musikanlage zu und ließ die alte Jugendhymne in den Player wandern, hier noch weit entfernt, vom derzeit überspielten Lass die Affen ausm Zoo abgelöst zu werden. „Die Wölfe sind los und wollen das Blut sehn / lass die Bänder rolln, das Volk will zusehn/ Lass die Spiele beginn, lass die Spiele beginn.“ Versöhnlich jubelte die Ballführerin ihm zu.

Um eine andere Bank herum spielten zwei Jungen und zwei Mädchen Fangen, ausgelassenes Kreischen an dem einen Punkt, wo man noch nicht, aber gleich gefangen wird, was sich wie aggressives Kitzeln anfühlt, bevor man sich dann in den Armen liegt und ein an die Nebenfrau gerichtetes „Lieblingsmensch“ für einen Moment alles, wirklich alles, öffnet.

Eine Stadt, das war ein Schreibtisch, oben die öffentlich präsentierten Aushängeschilder, und irgendwo in den Schubladen die Momente, die die Parallelgesellschaften der jungen Leute für sich erobert hatten, und wovon aus sie ihre Erinnerungen auf die öffentlich ausgestellten Dinge legten.

Er konnte das jetzt nicht punktgenau beschreiben, aber irgendwie dachte er, dass das passabel bis gut einfing, was er da damals in dem Text beschrieben hatte, da zusammen mit ihr, an seinem einen Lieblingsort, als er noch hier gelebt hatte. Jedenfalls, bevor sie mit ihrem letzten Satz alles zerstörte. Ein Blick auf sein Smartphone verriet jedoch, dass sie schon aufgelegt hatte.

Er rief Ben an.

- Ach, wenn man vom nutzlosesten Ektoplasma unter der Sonne spricht!

- Na, seit wann haben sie dich denn wieder ohne Betreuung unter Menschen gelassen?

An Schlaf nicht zu denken, trotzdem schloss sie die Augen und tat, als ob, um einem möglicherweise bevorstehendem Smalltal

zu entgehen. Nicht, weil ihr der ältere Mann neben ihr unsympathisch erschienen wäre. Nur fühlte sie sich beizeiten, als könnten Fragen der Art, wie es ihr gehe, oder gerade, wohin sie unterwegs sei und was sie dort mache, sie unverhältnismäßig stark aus der Bahn werfen. Gern betrachtete sie ihn aber mit halbgeöffneten Augen über die Zugscheibe. Den Mantel hatte er nicht abgelegt, nur seinen graumelierten Bogart-Hut umrundete er im Halbkreis um die Krempe herum auf seinem linken Oberschenkel. Er hatte den Feuilleton-Teil seiner Zeitung zusammengefaltet und ein Buch aus seiner Aktentasche hervorgeholt, vielleicht, weil er Lust hatte etwas zu lesen, das nicht in der Ich-Perspektive geschrieben war. Erst erkannte sie den Titel nicht, aber die Art, wie er las, weit fernab der dandyesk beinüberschlagenen Pose ihrer Generationskonsorten, mit dem ständigen Augenmerk darauf, dass man ja, und dass man das dann auch sah-, sondern vornübergebeugt, das Buch zwischen Unterarm und Oberschenkel geklemmt und mit derselben Hand Notizen einfügend, hatte sie fasziniert. Gerade unterstrich er eine längere Passage und verweilte danach mit gezücktem Bleistift. Sie dachte an Pavel und ihre Großmutter in Fallersleben. An das Buch, das sie bei ihrem letzten Treffen auf dieselbe Weise gemeinsam geteilt hatten und dem Kampf, den diese gegen ihre aufkommende Demenz führte, indem sie sich so all ihre Lieblingsstellen sicherte. Mit vorsichtigen Seitenblicken tastete sie sich vor, um den Text versatzstückhaft in Pavels Chatfenster zu übernehmen, immer wieder schnell wie auf frischer Tat ertappt zum Fenster zurückhastend (Lärmwälle, zwei als ausfranzende Punkte gebündelte Sonnenstrahlen, die auf den Gleisen um die Wette rannten, einzelne Bäume, deren Schattenspiel heute den Klang von in Schlafzimmer tretenden Schritten besaßen), notierte sie weiter, bis sie alles beisammen hatte und wollte es in dem Moment senden, als ein Anruf von Ben hereinkam und sie statt auf Senden auf Abheben drückte.

„Haben uns eigentlich nicht so viel gedacht dabei“, so die offizielle Stellungnahme eines Studenten, „nur, dass 3000 Euro auf sieben Leute aufgeteilt doch ganz passabel ist, um sich mal eine Scheibe Gouda extra auf der Pizza leisten zu können. Die Idee kam uns auf der Weihnachtsfeier des Instituts, vielleicht wird es dadurch etwas verständlicher.“

Umso mehr denkt sich das Kulturwerk nun, wie die Fragen, die diese Situation auf den zweiten und dritten Blick aufwirft, zu beantworten sind. Etwa, ob die Bewertung von Literatur anhand eines einzelnen Satzes überhaupt möglich ist, und wenn, dann auf welche Weise, um nur die offensichtlichste zu nennen.

Auf jeden Fall hat man sich dazu entschieden, alle Schreibschüler für das kommende Wochenende nach Wolfsburg einzuladen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, auf diese Problematik selbst in Interviews, Lesungen und eigenen Textinterpretationen einzugehen.

Desweiteren gab eine halboffizielle Performancegruppe aus Wolfsburg bekannt, das Event begleiten zu wollen. Freitag, 20:00 Uhr, Klieversberg. Nähere Angaben fehlen.

- Sag, was willst du denn mit dem Kerl?

Ein ovaler, in die Länge des Raumes gezogener Tisch, menschliches Mobiliar darum verteilt, in der Mitte irgendwo zwischen Glaskaraffen voll entstrahltem Mineralwasser, gepressten Fruchtsäften und Schalen mit Oliven die Projektmappe, deren aufgeführte Aufgabe die im Raum Anwesenden verband wie ein unter LSD-Einfluss gesponnenes Spinnennetz. Durch die Glasfront trüb gebrochenes Sonnenlicht, gedämmt durch die beigen Abacáfaser-Plissees, um nicht zu blenden und die vielen Bildschirme im Raum nicht verspiegelte. Grobkörnig gefiltertes Grell, das den Raum und das Treiben darin wie ein Vintage Filter in Photoshop weichzeichnete.

- Irgendwie liegt da gerade was im Argen, was es da zu klären gibt. Also jetzt außerhalb des Stadtschreiberpreis-Textes, obwohl das natürlich zwangsläufig zusammenhängt. Jetzt keine Dresden 45 Bruchaktion, eher so was Subtiles, ich weiß auch nicht, wie ich das erklären soll… Wie läuft dein Projekt?

Man hatte, der markanten Minimalistik der vorherrschenden Linie folgend, an ihn gedacht. Aufgefallen durch seinen Beitrag zur deutschlandweit geschalteten Werbekampagne einer Autoglas-Reparatur-Kette erwartete man von ihm einen Slogan desselben reduzierten Stils für die aktuelle Kampagne. | Carglass repariert, carglass tauscht aus | Er verschwieg, dass dieser Gewinnerslogan eigentlich ein Zufallsprodukt war, das er sich selbst nicht erklären konnte. Eine Woche lang hatte er verzweifelt versucht, etwas Brauchbares für die anstehende Abschlusskonferenz zustande zu bringen, aber außer einigen zutiefst überambitionierten Versuche á la | Glasklar, wer bei Glasbruch Rat sucht, geht zu carglass|, hatte er bis in die Nacht vor Abgabe keinerlei Idee vorzuweisen. Aus einem abgefundenen Eh-schon-egal heraus hatte er sich in eine Bar in seiner Straße gesetzt, die Fahne geschwenkt und sich bereitwillig den Plänen einer fünfköpfigen Gruppe Australier auf Kurzurlaub angeschlossen. Am nächsten Morgen war er mit einem Kopfkater Marke: durchzechter Nacht, von der man seiner Mutter nicht erzählen konnte aufgewacht, und hatte, neben einem Zettel, auf dem in fremder Handschrift see you where the moon is blind stand einen weiteren gefunden, auf dem in seiner ihm eigenen krakeligen Handschrift eben jener schlussendliche Gewinnerslogan zu lesen war. Er wusste allerdings nur noch, dass er den in seinem nächtlichen Delirium ziemlich genial fand, aber nicht mehr, warum eigentlich. Erst traute er sich gar nicht, diesen Slogan dem Gremium vorzulegen, aber mangels Alternativen gab er ihn schließlich doch ab. Dieses Warum quält ihn bis heute.

Und jetzt also einen Nachfolger für | VW bewegt | und | VW. Das Auto |. Er hatte keinen Plan, wie das zu machen sei.

- Puh, gestaltet sich eher so gelatinös. Noch vor 5 Minuten hat der Creative Director meine letzte Idee mit den Worten „Komm, mach mal mehr touchy, also da komm ich grad ja mal so gar nicht“ abgewiesen. Keine Ahnung, was mir das jetzt sagen soll. Sag mal, an was denkst du beim Stichwort Autofahren?

- Fluchen. Und Weinen.

Ben machte sich Notizen, ging zu der Popcornmaschine hinter ihm und kam mit einer Tüte zurück. Auf dem Platz seines Berliner Kollegen Johnson, eigentlich etwas verärgert, gerade für eine Autokampagne eingesetzt worden zu sein, weil er in seiner Schublade seit einiger Zeit ein relativ produktungebundenes Konzept der Sorte | Warum? Weil…irgendwas mit Katzen | bunkerte, drehte sich ein Kreisel auf dem Tisch. Hinter ihn per Beamer Stereotypen von Szenen an die Wand geworfen: eine an der Stirn ihres Neugeborenen riechende Mutter/ zwei Jugendliche, die nachts ins Freibad einbrechen/ Eis essende Kinderaugen/ Halbnackte, die über Felder rennen/ ein in eine Decke gehülltes Paar am Meer. Daneben auf einem separaten Fenster die Gesichtsausdrücke der Menschen, die sich den Spot angesehen haben, zwischen Stirnrunzeln und entspannter Glückseligkeit, die nahe bei Demenz gebaut war, schwankend.

„Da furz mir doch einer ins Badewasser, ist der Beamer wohl jetzt schon wieder im…“, in dem Moment, als der Kreisel klappernd zu Boden fiel und das Bild schwarz wurde.

- Auf eine Art eingeschlossen, für sich zu sein, aber dabei trotzdem irgendwie voranzukommen. So eine Blase um die Welt, aber mit Ziel im Navi.

Helenja wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht.

- Ah, dank dir, ist gut!

Ein Mann betrat den Raum, knallte einen Stapel Papier mit den Worten: „Verdammt Jungs, ich will eure Babys, nicht eure Wehen!“, in den Mülleimer und verließ wieder den Raum.

- Aah-ja… Aber hier, noch mal zu eurem Text, was ist da jetzt. Die ganze Stadt ist ja in Aufruhr, allein der Konzern hat drei Stände in der Einkaufsstraße aufgebaut. Wie war der Titel noch mal? Werner, die Schreiber kommen?

- Ulkig, im Nachhinein klingt das glatt wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. War eigentlich nur so ein O-Ton auf der Straße, den eine Kommilitonin bei ihrer Suche nach den Top 3 der verstörendsten Geschäftsreklamen auf der Höhe von Kaufe Zahngold- auch mit Zähnen aufgeschnappt hat. Hat es aber schlussendlich nicht mehr in den finalen Text geschafft, die Szene.

- Und was steht da jetzt so an für dich?

- Hab die Interviews zu führen, quasi als Vermittlerin zwischen den Schreibern, dem Kulturwerk und der Performance-Crew. Bin ja nicht wirklich an dem Text beteiligt gewesen. Also bis auf den letzten Satz. Obwohl der ja jetzt nicht wenig ausgelöst hat, vor allem bei Pavel…

- Am Rande was von mitbekommen.

- Also keine Ahnung, ich weiß auch nicht, was ihn daran so stört. Als hätte er nicht selbst im Absatz davor, in dem er uns beide beschrieben hat, einen, wie soll ich sagen, Ton mit Hang zur Komik angeschnitten…

- Das war halt mein Humor, aber ich hab das schon ernst gemeint. Nur du hast einen Witz daraus gemacht!

Pavels Stimme, die in das Gespräch hallte.

- Pavel? Seit wann bist du…

- Hatte ihn hier auf facetime laufen, bevor du angerufen hast.

- Das ist doch jetzt nicht euer…

- So viel Aufregung wegen einem letzten Satz, also Leute, jetzt kriegt euch doch mal wieder!

Hörbares Ausatmen.

- Ich mein, was ist denn eigentlich für ein Satz?

Eine kurze Pause, in der Zögern hörbar ist.

- Ach, nur, dass…

- Ne, echt keinen Bock mehr, mir das jetzt anzutun,

bevor Pavel sich aus dem Gespräch klinkte.

Ließ sich treiben, schwamm durch die mit einer der ersten Sonnen des Jahres belebter werdenden Straße, tat lange Züge, die er Richtung Bahnhof ausgleiten ließ. Vorne, dort, wo die zusammengeführten Hände beim Brustschwimmen zeigen, die leicht angesenkte Hadidsche Titanic, die sich die Schornsteine vom Werk lieh, schnappte Pavel nach Luft und blieb beim Öffnen der Arme stehen, links ein Supermarkt, bei dem er kurz untertauchte und mit einer Flasche Cola, Klebeband und einem Strauß Lilien wieder auf, rechts ein Kinderspielplatz. Ihn kreuzte der Obdachlose, der hinter ihm an der Kasse eine einzeln verpackte Rose und eine Flasche Korn zusammen mit einem Pfandbon aufs Band gelegt hatte, unverfälschte Romantik, wie sie nur die Straße zustande brachte, rechts spielten Kinder. Ein Bub ließ einen Stock mehrmals fasziniert auf den Boden fallen, während seine Schwester mit ausgebreiteten Armen um die Autoreifenwippe herum segelte, worauf er den Stock auf seinen rechten Fuß klemmte und ihr humpelnd hinterherlief. Der Obdachlose ging die Straße entlang, im Hintergrund ein bassdröhnendes Cabriolet, aus dem auf seiner Höhe ein sonnenbebrillter Anzugträger lachend eine Zigarette in seine Richtung schnippte. Sie traf ihn an der Schulter, er hob die Hände aus den Taschen und schaute dem davon brausenden Auto hinterher. Einen Moment schien er zu überlegen, zuckte dann aber einfach mit den Schultern und rauchte die noch brennende, halbe Zigarette im Weitergehen zu Ende.

Pavel checkte die Uhrzeit, atmete tief ein und beschleunigte seinen Schritt. Noch einmal ließ er die Stationen Revue passieren, die er, chronologisch dem Verlauf des Wettbewerbstextes folgend, mit ihr die nächsten Tage abgehen wollte. Irgendwo zwischen Unsicherheit und dem befreiendem Gefühl, endlich Zeit und Raum für all das, was …


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