»Abschied. Im Gegenlicht.«

Kunstausstellung

Veranstaltungsdetails

  • 01. März 2018 - 06. April 2018

    08:00 - 14:00 Uhr

  • IG Metall Wolfsburg

    Siegfried-Ehlers-Straße 2

  • Ausstellung & Museum & Führung

Inhalt der Ausstellung „Abschied. Im Gegenlicht“

Hagen Bonifers Gemäldezyklus aus 34 Bildern zeigt sehr detailgetreu Werkzeuge, die wie Relikte unserer Industriegesellschaft nutzlos geworden scheinen: Feilen und Schraubstock, Arbeitskittel, Menschen in Fabrikhallen – und die Stechuhr am Entree, auf der die Zeiger Pausenzeiten angeben. Sie werden am Ort des Geschehens nicht mehr gebraucht.

Seine in Öl auf Putzgrund gemalten Arbeiten halten fest, was es zumindest hierzulande so nicht mehr gibt – Europa ist mit dem Industriesterben die manuelle Arbeit ausgegangen. Wir sehen verwaist wirkende Gänge, leere Büros und Treppenhäuser einer alten Fabrik.

Wie unter einer dicken Firnisschicht liegt patiniert und versiegelt alles da. Auf vorgrundierte Leinwände spachtelt Bonifer dünnen Fassadenputz, imprägniert ihn, damit er nicht die Farbe schluckt. Dann überträgt er seine auch aus alten Fotos gewonnenen, detaillierten Motivzeichnungen, aus Handskizzen gefiltert und am Computer kompositorisch durchgecheckt, auf den Malgrund und lasiert in mehreren Schichten, hauptsächlich mit Tuschfarben wie Ocker, Umbra und Indigo.

Das Ergebnis ist eindringlich, zumal Grau-Grün-Werte und mit Silberpigment gehöhte Aufhellungen den Bildern Patina und Aura verleihen – eher melancholisch gestimmt als niederdrückend. Im Betrachter wecken die Bilder ähnliche Sehnsucht wie vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos.
Vergilbt ist indes nicht Bonifers Botschaft, wenn Arbeiter zu sehen sind, die dem Betrachter den Rücken zuwenden, um ihren Betrieb (für immer?) zu verlassen. Unter die Haut geht, wie sich porträtartig aufgereihte Arbeiter zum Abschied äußerlich wie innerlich versammelt haben.

Resignierte, traurige Gesichter bei einer Betriebsversammlung: Keine Zukunft mehr für die abgebildeten Menschen, die ihrer Selbstbestimmung enthoben wirken. Keine Zukunft mehr für die Ideale der Arbeiterbewegung? Gesichter sprechen hier Bände.
Der Malzyklus produziert Sinnbilder einer untergegangenen Kultur. Eine Schlüsselrolle misst Bonifer mit seinen Kunstwerken der Arbeiter-Kultur zu. Nur aus ihr lässt sich die Kraft für den erfolgreichen Widerstand gegen soziale Ungerechtigkeit und für eine Solidarität schöpfen.

Wie Bonifer diesen Kontext malerisch wie räumlich inszeniert, bis hin zu Schrammen und Einschlüssen im Malgrund erfordert Detailkenntnis und das Einfühlungsvermögen eines Künstlers.
Die detaillierten Motivzeichnungen stellen einen Gemäldezyklus des Abschieds dar: Viele Träume sind ausgeträumt, die großen Utopien haben ausgedient. Doch die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft ist geblieben und Widerstand vielleicht nötiger denn je. Und so ist die Ausstellung „Abschied. Im Gegenlicht“ auch ein Anfang, um nach neuen Wegen und neuen Antworten zu suchen, dazu fordert sie nachdrücklich auf.

Porträt - Hagen Bonifer

Hagen Bonifer, geboren 1957, wurde durch seine textgebundenen Installationen, den Gemäldezyklus Vom Nutzen zu zweifeln: 2. Juni 1967 und die Inschrift auf dem Eisernen Steg in Frankfurt am Main, „Auf weinfarbenem Meer segelnd zu anderssprachigen Menschen“, bekannt.

Seine Werke befinden sich im sakralen und öffentlichen Raum. Er arbeitet im Bereich der konzeptionellen und interdisziplinären Kunst- und Kulturvermittlung. Bonifer ist als Bühnenbildner im In- und Ausland tätig. Er lebt in Mühlheim am Main.