Eine Stadt – 151 Nationen. Zuwanderung anders erzählen

Von Alexander Kraus

Wolfsburg hat sich, so heißt es im Integrationskonzept der Stadt, „durch Zuwanderer unterschiedlichster Herkünfte mit all ihrem Wissen, Können und kulturellem Erbe zu der jungen, dynamischen und erfolgreichen Stadt entwickelt, die sich uns heute präsentiert“.
Infografik der Wolfsburger Bevölkerung mit ZuwanderungsgeschichteFoto: Zu den Wolfsburgerinnen und Wolfsburgern mit Zuwanderungsgeschichte zählen Personen mit ausländischer oder doppelter Staatsangehörigkeit, im Ausland geborene und eingebürgerte Deutsche sowie minderjährige Kinder von Personen mit Zuwanderungsgeschichte. Daraus ergibt sich, dass über die Melderegisterdaten nur für die erste Generation und für die minderjährigen Kindern in der zweiten Generation eine Zuwanderungsgeschichte zugewiesen werden kann. Viele Menschen, die in der dritten oder vierten Generation in Wolfsburg leben, erinnern sich dennoch an die Immigration ihrer Familie, dies wird jedoch in den Statistiken nicht mehr ersichtlich.
  
Nach Ende des Krieges setzte sodann ein Wachstum ein, das Stadt und Verwaltung vor eine Vielzahl an Problemen stellen sollte: Für ungezählte Kriegsheimkehrer, Displaced Persons und Heimatvertriebene war Wolfsburg eine Zwischenstation auf dem Rückweg in die alte Heimat oder auf der Suche nach einer neuen. Besonders nachdem das Wachstum des Volkswagenwerks in den späten 1940er Jahren Fahrt aufgenommen hatte, entschlossen sich aber auch viele zum dauerhaften Verbleib. Fragen der Integration wurden drängend, bestand doch Wolfsburgs Bürgerschaft in den 1950er und 1960er Jahren mitunter zu mehr als vierzig Prozent aus sogenannten Heimatvertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten. Im Grunde sollte die kommunale Integrationspolitik denn auch bereits mit der Wahl zum Stadtflüchtlingsrat Ende November 1947 beginnen.Noch Ende des Jahres 1937 und damit vor Gründung der „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ lebten in den beiden Landgemeinden Heßlingen-Wolfsburg und Rothenfelde-Rothehof, die zum Kerngebiet des späteren Wolfsburg werden sollten, exakt 857 Einwohnerinnen und Einwohner.  Schon bald darauf sollte ein rascher Zuzug aus allen Teilen des sogenannten Reiches erfolgen – und darüber hinaus. Ob aus Hamburg, Helmstedt oder Königsberg, aus Chemnitz, Eisleben oder dem in den Sudeten gelegenen Römerstadt (heute Rýmařov) – Familien aus allen Himmelsrichtungen des ,Deutschen Reiches‘ kamen in die werdende proklamierte NS-Musterstadt. Daneben zogen ab September 1938 auch tausende Arbeiter der Confederazione Fascista dei Lavoratori dell’Industria (CFLI), der faschistischen Schwesterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) in Italien, in das Gemeinschaftslager der Stadt ein. Waren diese freiwillig in die „Stadt des KdF-Wagens“ gekommen, so galt dies in keinster Weise für all die zwangsverpflichteten Zivilarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, die im Zuge der „Eingliederung des Volkswagenwerkes in die Rüstungswirtschaft“ und dem damit einhergehenden entstehenden „betriebliche[n] System der Zwangsarbeit“ in die Stadt kamen und hier widrigsten Arbeits- und Lebensbedingungen ausgesetzt waren. 

Infografik mit Weltkarte und den Herkunftsländern der Wolfsburg mit ZuwanderunsggeschichteFoto: Die Karte zeigt die erste Staatsangehörigkeit der Wolfsburgerinnen und Wolfsburger. Viele Menschen haben daneben allerdings auch eine zweite Staatsangehörigkeit, die hier nicht verzeichnet ist. Dies betrifft vor allem EU-Bürger, die nach der Einbürgerung ihre bisherige Staatsangehörigkeit behalten dürfen, sowie in Deutschland geborene Kinder, die neben der deutschen auch die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern erhalten haben. Zu den häufigsten zweiten Staatsangehörigkeiten gehören in Wolfsburg die polnische (2.681 Personen), die italienische (2.454) und die russische (1.980). Für die Bereitstellung der Daten, die Hilfe bei der Interpretation sowie die Prüfung der Kommentare auch zu den anderen Grafiken in dieser Broschüre danken wir herzlich Herrn Nils-Olaf Krage vom Referat für Strategische Planung, Stadtentwicklung und Statistik.

Über zahlreiche Ämter und Ausschüsse wie beispielsweise das Stadtflüchtlingsamt ist die Geschichte der Ankunft und oftmals nicht einfachen Aufnahme der Heimatvertriebenen in die Stadtgesellschaft in den kommunalen Akten des Stadtarchivs wie auch den bestehenden Sondersammlungen gut dokumentiert – bis hin zur vierteljährlichen peniblen Dokumentation der „Flüchtlingsbewegungen“, wie es in den Akten heißt. Gleiches gilt für die Geschichte der durch das Volkswagenwerk angeworbenen italienischen „Gastarbeiter“, die Wolfsburg ab 1962 zur „größten Italienersiedlung nördlich des Brenner[s]“ werden ließen.  Wohl kaum ein Kapitel der Zuwanderung in die Stadt Wolfsburg ist so gut erforscht, wie das der italienischen. Ganz anders sieht dies jedoch mit all jenen Zuwanderungsgruppen aus, die in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in unterschiedlich großer Zahl nach Wolfsburg kamen: Familien von „Gastarbeitern“ aus Tunesien und dem ehemaligen Jugoslawien, Spätaussiedler aus Russland oder Kasachstan, Geflüchtete aus Syrien, Studierende der Ostfalia aus Mexiko – ihr Leben in und mit der Stadt findet im kommunalen Schriftgut kaum Niederschlag und wenn, dann meist einseitig aus der Perspektive der Verwaltung.  Dieses Manko möchte das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation in den kommenden Jahren beheben. Die Vielfalt der Stadt Wolfsburg soll auch in der archivalischen Überlieferung abgebildet werden. Ein erster Auftakt zur Visualisierung dieser Vielfalt erfolgt über das Projekt „151 Nationen – eine Stadt“,  das innerhalb einer Broschüre  Titelblatt der Broschüre "Eine Stadt – 151 Nationen Wolfsburger Zuwanderungsgeschichte(n)"anhand von zwölf Beispielen vorgestellt wird. Die einzelnen Objekte – darunter ein brasilianischer Kopfschmuck aus Federn, eine polnische Schulfibel, eine Holzkiste aus Syrien, ein Madiba-Hemd aus Ruanda oder eine aus Holz gefertigte Puppe aus Japan – verraten erst über ihre individuelle Geschichte den Bezug zum Herkunftsland.

Dafür suchen wir auch weiterhin Vertreterinnen und Vertreter aus allen 151 Nationen, aus denen sich unsere Stadt aktuell zusammensetzt, die über einen Gegenstand mit ihrem jeweiligen Herkunftsland verbunden sind. Dabei können es auch Objekte sein, die nachfolgende Generationen von ihren Eltern oder Großeltern geschenkt bekommen haben. Wichtig ist allein, dass die Geschichte der Gegenstände in das einstige Herkunftsland zurückreicht. Doch wird Zuwanderung innerhalb des Projekts wohlgemerkt nicht nur national und ethnisch gefasst: Es interessieren vielmehr auch Objekte, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, der sowjetischen Besatzungszone, der DDR oder aus anderen Bundesländern und Ortschaften Niedersachsens ihren Weg nach Wolfsburg gefunden haben.  Die Objektbiografien werden im Frühsommer 2020 – begleitet von Interviews mit Migrantinnen und Migranten, solchen mit Akteurinnen und Akteuren der kommunalen Integrationspolitik sowie wissenschaftlichen Texten zur Geschichte der städtischen Integrationspolitik Wolfsburgs – in einer Buchpublikation veröffentlicht.