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Rund um das Thema Geschichte in Wolfsburg

Pressemitteilung vom 10.12.2021

Alexander Kraus: Stadt ohne Geschichte? Wolfsburg als Demokratielabor der Wirtschaftswunderzeit

Mitte der 1960er Jahre war der Topos von der »Stadt ohne Geschichte« für Wolfsburg weit verbreitet. Ob in Print-, Radio- oder Fernseh-Reportagen, offiziellen Reden oder Bürgerinterviews – überall wurde die Traditionslosigkeit der so jungen Volkswagenstadt herausgestellt. Diese immer wieder konstatierte scheinbare Geschichts- und Traditionslosigkeit der Kommune, für die auch und insbesondere deren Gründung als nationalsozialistische Musterstadt bereitwillig ausgeblendet wurde, machte das Wolfsburg der Wirtschaftswunderzeit zu einem immer wieder leer radierten Blatt Papier, auf dem, obgleich vielfach mit gängigen Diskursen bundesrepublikanischer Selbstvergewisserung beschrieben, kaum eine Interpretation und Deutung dauerhaft verfing. So wurde aus der »Stadt der Bewegung« und »Stadt der Nazis«, wie Wolfsburg nach der deutschlandweit als skandalös empfundenen DRP-Wahl von 1948 noch bezeichnet wurde, rasch eine »Industrie-stadt im Grünen«, eine »Stadt der Jugend« und des Fortschritts, in der die klassenlose Gesellschaft Realität geworden sei.

Dass Wolfsburg auf diese Weise Schritt für Schritt zum Soziallabor der »Bundesrepublik« wurde, liegt auch an einer stadtgeschichtlichen Besonderheit, denn tatsächlich nahm Wolfsburg im demokratischen Neuaufbau nach der NS-Diktatur eine Sonderstellung ein: Als einzige Stadt der späteren Bundesrepublik konnte die 1938 gegründete »Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben« auf keinerlei demokratische Strukturen zurückgreifen. Der demokratische Neuanfang war in Wolfsburg ein wortwörtlicher. Das »lange Lernen der Demokratie« musste in jener vielfach als »jung« apostrophierten Stadt fast ohne Vorkenntnisse erfolgen. Aber wie gelang die Transformation von der NS-Musterstadt zu einer funktionierenden demokratischen Kommune?

Daher fragt Alexander Kraus in seinem Buch nach den gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen, die diesen Wandel ermöglichten, nach den unter der Oberfläche wirkenden Mechanismen und den vielfältig aufbrechenden Konflikten, die diesen begleiteten. Nicht zuletzt fragt er nach den Akteurinnen und Akteuren und ihren kulturellen Aneignungsprozessen, die für Wolfsburgs Weg in die Demokratie so zentral waren. Dabei steht in der Untersuchung nicht der wohl sichtbarste Indikator für das Funktionieren einer Demokratie – die in regelmäßigen Abständen stattfindenden freien und unabhängigen Wahlen – im Fokus. Vielmehr wird der Demokratie als Lebensform auf kommunaler Ebene nachgespürt, Wolfsburg als Demokratielabor analysiert. Der Fokus liegt demnach nicht auf den kommunalen Institutionen der Regierungsform und deren Agieren, sondern auf der demokratischen Praxis und damit der nur schwer greifbaren Verinnerlichung der neuen Ordnung.

Anhand von dreizehn stadtgeschichtlichen Untersuchungen werden kommunalpolitische Handlungsmuster gleichermaßen wie unterschiedlichste Formen bürgerlicher Mitverantwortung, gesellschaftlicher Partizipation und gemeinschaftlichen Gestaltungswillens beschrieben, in denen »Traditionen, Konventionen und klassische Rollenzuschreibungen« aufgebrochen und hinterfragt wurden. Dafür werden Ereignisse, städtebauliche Manifestationen, Medienerzeugnisse und das Handeln unterschiedlichster Akteure und Akteurinnen als Ausdruck und Ergebnis demokratischer Lebensformen untersucht. Alle Fallbeispiele eint, dass in ihnen die unterschiedlichsten Versuche der Adaptierung und Internalisierung der Demokratie als Lebensform sichtbar werden, unabhängig davon, zu welchem Grad sie gelangen. Stets geht es dabei um Praktiken der Verinnerlichung der Demokratie.

Alexander Kraus, Stadt ohne Geschichte? Wolfsburg als Demokratielabor der Wirtschaftswunderzeit. Wallstein Verlag, Göttingen 2021; 512 S., 103 Abbildungen. Ladenpreis: 29,90 Euro. Das Buch kann über den Buchhandel käuflich erworben werden.
Telefon: 05361 275741 / E-Mail: alexander.kraus@stadt.wolfsburg.de


Pressemitteilung vom 09.06.2020

Ein besonderer Ort

Der Barockgarten von Schloss Wolfsburg

Immer wieder zieht er die Wolfsburger und ihre Gäste aus Nah und Fern in seinen Bann: der Barockgarten an der Nordseite von Schloss Wolfsburg mit seinem hübschen Steinpavillon an der Stirnseite. Ob als Ort für Konzerte und Veranstaltungen, Ruheplatz nach einem anstrengenden Spaziergang oder als Kulisse für das Hochzeitsfoto: Für viele Wolfsburger ist der Barockgarten ein besonderer Ort.

Natürlich hat er in seiner fast vierhundertjährigen Geschichte nicht immer so ausgesehen, wie heute. Sein jetziges Erscheinungsbild geht auf die Restaurierungsarbeiten der 1960er Jahre und die Sanierung in den Jahren 1999 und 2000 zurück. So stammen denn auch viele Stilelemente und Einrichtungsgegenstände, wie zum Beispiel die Putten oder das schmiedeeiserne Tor am Eingang des Gartens aus der Zeit der Restaurierung. Andere Einbauten sind älter. Der Teepavillon zum Beispiel wurde 1912 errichtet.

In seiner heutigen Erscheinungsform erinnert der Barockgarten allerdings wenig an seine ursprüngliche Architektur. Obwohl die Anlage nie so ausgesehen hat, wie sie sich heute darstellt, gibt sie dennoch einen Einblick in barocke Vorstellungen einer gelungenen Gartenkomposition, die auch auf die Menschen unserer Tage noch ihren Reiz ausübt.

Zur Entstehungsgeschichte:

Die ersten Anfänge des Wolfsburger Barockgartens liegen im Dunkeln. Fest steht aber, 1679 lässt Hans Daniel von Bartensleben an der Nordseite des Schlosses einen "Lustgarten", das heißt Ziergarten, errichten. Schon damals gab es ein Gartenhaus.

Im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts zeichnet Johann Martin Anhalt Pläne zur Umgestaltung des Gartens. Er erweitert die Anlage nach allen vier Himmelsrichtungen. Die begehbare Mittelachse spielt in der Architektur des Parks eine zentrale Rolle. Auch ein doppelgeschossiger Pavillon aus Fachwerk wird errichtet. In ihrer symmetrischen Ausformung entspricht die Anlage dem barocken Gartenideal.

Unter den Grafen von der Schulenburg, seit 1742 Schloss besitzende Familie, steht seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mehr und mehr die Gestaltung des Parks auf der Ostseite des Schlosses im Vordergrund. Der Barockgarten verliert an Bedeutung.

1910 zerstört eine Windhose den Barockpavillon und nahezu den gesamten Baum- und Strauchbestand in diesem Bereich. Gräfin Frieda von der Schulenburg veranlasst bald darauf eine völlige Neugestaltung des Gartens: Der ehemalige Barockgarten wird als geometrischer Heckengarten angelegt. Mit der Errichtung eines neuen Gartenhauses wird der Fallersleber Architekt Hillendahl beauftragt. Der Pavillon, so wie er auch heute noch besichtigt werden kann, entsteht.

1942 verlassen die Grafen von der Schulenburg den Familiensitz. Am 1. Januar 1943 erwirbt die junge "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" das Schloss mit dem ehemaligen Barockgarten. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges verwildert der Garten zusehends.

Doch bereits Ende 1945 erwacht er zu neuem Leben. Ein findiger Geschäftsmann errichtet ein Café. Der Pavillon erhält nach Norden einen Anbau, der als Küche genutzt wird. Der Dachboden wird ausgebaut und ein Fenster eingefügt. Das so geschaffene "Schlosscafé" existiert bis 1956.

Im Rahmen der Sanierungsarbeiten am Schloss Wolfsburg durch die Stadt, die Anfang der sechziger Jahre beginnen, wird der ursprünglichen Zustand eines "Barockgartens" wiederhergestellt.