„Der Steimker Berg ist eine Ansage“. Mit diesen Worten endet der Text auf der Stele „Steimker Berg", die in der Nähe des Parkhotels aufgestellt wurde.
Wer vor mehr als 80 Jahren, ob allein oder mit Familie, aus allen Teilen des Deutschen Reiches in die „Stadt des KdF-Wagens" zog, hatte, bedingt durch den Ersten Weltkrieg, Inflation, die Weltwirtschaftskrise und die damit im Zusammenhang stehende Arbeitslosigkeit, aber auch durch politische und soziale Unruhen im Land, unsichere Zeiten erlebt. Diese neue, am Reißbrett geplante Stadt lockte mit Versprechen wie für die damalige Zeit recht „komfortablen" Wohnungen, ausreichend vielen Arbeitsplätzen, vor allem im ebenfalls in der Entstehung begriffenen Volkswagenwerk sowie eine gesicherte Zukunft.
Der Steimker Berg war das erste Wohnquartier, das fertiggestellt wurde. 16 verschiedene Haustypen wurden realisiert: Doppel-, Reihen-und Mehrfamilienhäuser, in der Architektursprache im „Heimatschutzstil“, mit Balkonen, Blumenfenstern, Terrassen und Hausgärten. Im Wohngebiet wurden einzelne Geschäfte um einen „Marktplatz“ herum und ebenso ein Hotel (das heutige Parkhotel) angesiedelt. Die Wohnungen wurden individuell zugeschnitten, standardmäßig wurden Fernheizungen, Bäder und zeitgemäße Küchenausstattung eingebaut. Zum Standard in den Häusern gehörten aber auch Waschküchen sowie Kellerschutzräume mit dicken Metallschutztüren und Luftfiltern. 1938-1940 entstanden in diesem Quartier mit altem Baumbestand auf einer Fläche von 49.505 Quadratmetern mehrere hundert Wohneinheiten.
Das Wohngebiet wurde ab 1939 von der Neuland Wohnungsbaugesellschaft gebaut und bewirtschaftet. Die NSDAP gab maßgeblich vor, wie und in welcher Form die Arbeiter und Angestellten in der „Stadt des KdF-Wagens“ zu arbeiten und zu leben hatten. Die Partei, die Deutsche Arbeitsfront (DAF), aber auch Unterorganisationen regelten und kontrollierten den Arbeitsalltag, das Familienleben und die freie Zeit. Aus den Unterlagen der damaligen Zeit, wie beispielsweise Einwohnerverzeichnissen und Telefonbüchern, geht hervor, dass gerade in der „Mustersiedlung Steimker Berg" Parteizugehörigkeit oder starke Nähe zu der Partei gefordert war. So lebten dort Angehörige der SS, im Werk tätige Personen, Mitarbeiter der Stadtverwaltung und des Stadtbaubüros mit den Planern und Architekten des Werkes Tür an Tür. Es gab Blockwarte, die auf das Einhalten von Hausordnungen und Abläufen achteten, das alltägliche Leben beobachteten und kontrollierten. Wurde beispielsweise landesweit ein Eintopfsonntag vorgeschrieben, dann galt dieser für alle. Zuwiderhandelnde hatten Nachteile, Bespitzelung und weitere Repressionen zu befürchten. Unbefangen seine Nachbarschaft zu genießen war schwierig bis unmöglich.
Mit Kriegsbeginn 1939 veränderten sich die Arbeitsbedingungen im Volkswagenwerk: Die Vorbereitungen zum Bau des Volkswagens wurden eingestellt, während die Produktion auf Kriegswirtschaft umgestellt wurde. Der Alltag und das Leben der Menschen am Steimker Berg lief anfangs in relativ normalen Bahnen weiter. Die Leute rückten unter Umständen näher aneinander, Lebensmittelmarken wurden eingeführt, Gärten entstanden um die Häuser herum. Die Erträge und Ernten waren, bedingt durch die Bäume und die Bodenverhältnisse, recht bescheiden. Nachbarschaftliches Leben war aber auch auf Tauschhandel und gegenseitige Unterstützung ausgerichtet. So gab es die Möglichkeit, Klavier spielen zu lernen, wer eine Nähmaschine hatte, bot diese an oder nähte Kleidungsstücke für andere, es wurden „Kleidermarken" gesammelt, wenn ein besonderes Kleidungsstück gebraucht wurde, aber auch für die alltägliche Ausstattung.
Im sechsten Jahr des Krieges nahmen die Luftangriffe auf das Volkswagenwerk, aber auch auf die Wohnhäuser und Baracken immer mehr zu. Wer in die Stadt und ins Werk musste, erlebte Bombenalarm und Zerstörung, die Bedrohungen durch den Krieg waren jetzt immer gegenwärtig.
Am 11. April 1945 erreichten alliierte Truppen Fallersleben und besetzten bald darauf die gesamte Stadt. Dies markierte das Kriegsende in der „Stadt des KdF-Wagens“ und dementsprechend am Steimker Berg.
Im Parkhotel wurde das Hauptquartier der alliierten Kommandantur eingerichtet. Keine zwei Kilometer vom Steimker Berg entfernt wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter von den alliierten Soldaten befreit. In der Stadt herrschte viele Monate Ausnahmezustand. Die Menschen mussten sich umorientieren, Ihr Leben änderte sich grundlegend.
Nun hieß es, sich neu auszurichten, aber weiterhin galt es: tauschen, organisieren, erfinderisch sein für das tägliche Essen, für Kleidung, Hygiene, Gesundheit – für die Bewältigung des Alltags. In diesen unruhigen Zeiten in der Stadt und im Land ringsum fanden die Steimker Berger relativ schnell wieder zusammen. Es musste in den Wohnungen und Häusern zusammengerückt, geflüchtete Menschen aufgenommenen und geteilt werden. Ein Fahrrad oder ein Handwagen waren wichtige Hilfs- und Fortbewegungsmittel, um in den Dörfern Lebensmittel zu besorgen oder im nahen Wald Beeren, Pilze und Holz zu sammeln.
Jeder, der arbeiten konnte, wurde gebraucht. Aufräumen und Wiederaufbau wo Zerstörung war. Die ersten „Volkswagen" wurden in den notdürftig hergestellten Hallen für die Briten gebaut. Ganz allmählich kehrte auch am Steimker Berg eine neue Normalität ein. So konnten zum Beispiel die Kinder wieder zur Schule gehen und am Ahornweg wurde eine Leihbücherei eingerichtet.
In dieser Zeit waren ganz besonders die Frauen gefordert: sie mussten, neben den Aufgaben in der Familie, auch die Tätigkeiten und Arbeiten der Männer übernehmen, wie schon in den Kriegsjahren. Auch in Wolfsburg kamen viele Männer nach Kriegsende nicht gleich oder auch gar nicht zurück. Die Frauen übernahmen nicht nur die Arbeiten im VW-Werk, sondern auch in Handel und Handwerk, teilweise gründeten oder erweiterten sie kleine Unternehmen.
Aus der „Stadt des KdF-Wagens“ wurde Wolfsburg und in den 1950er Jahren begannen die ersten großen Bautätigkeiten. Die Waldsiedlung Steimker Berg behielt ihr Gesicht, nur einige Häuser am Buchenpfad und am Kiefernweg wurden im gleichen Baustil hinzugefügt. Die Verwaltung und Bewirtschaftung des Quartiers oblag weiterhin der Neuland Wohnungsbaugesellschaft.
Das „älteste Quartier“ in der Stadtmitte Wolfsburgs steht nun, immer mit einem aufmerksamen Blick des Denkmalschutzes, auf „eigenen Füßen“, aber eben als Baudenkmal. Seit den 1990er Jahren gibt eine Satzung vor, wie und was auf dem historischen Baugrund bei individueller Instandsetzung und Modernisierung verträglich umgesetzt werden darf. Auch bei der Bepflanzung, dem Erhalt und der Pflege der Baumarten gibt es Vorgaben, Heckenerhalt und Pflege sollen den Waldsiedlungscharakter weiterhin sicherstellen.
Seit 1969 lebe ich in Wolfsburg und seit ca. 40 Jahren ist der Steimker Berg meine besondere Leidenschaft. Ich weiß um die Stadtgründung 1938 und gerade deshalb bin ich sehr glücklich, dass ich im weitesten Sinn mit meinen Nachbarn über die Geschichte und die Menschen schreiben darf und sie mir etwas über ihr Leben hier erzählen. Ganz besonders freut es mich, dass eine Gruppe Frauen vom Steimker Berg - „Zusammen Steimker Berg" - eine nachbarschaftliche Idee mit ihrem wunderbaren Einsatz ins Leben gerufen haben und sich mit der „Initiative Steimker Berg“ zusammengefunden haben – dafür sage ganz herzlich Danke.